Das Lied der Wiese

Eine Geschichte von ...

Es war einmal ein kleines Dorf umgeben von bunten Feldern und weiten Flüssen. Gleich hinter ihm lag eine prächtige Blumenwiese, die in allen Farben des Regenbogens blühte. Die Dorfbewohner nannten sie die „Singende Blumenwiese“, denn wenn der Wind durch die Gräser und Blüten fuhr, erklang eine sanfte Melodie, als würde die Wiese selbst ein Lied singen.

Die Menschen liebten die Wiese, doch niemand wagte es, auch nur eine einzige Blume zu pflücken, denn eine alte Legende besagte, dass die Wiese verzaubert war. Wer ihre Harmonie störte, würde ihr Lied, für immer verlieren

und mit ihm das Glück des Dorfes.

Eines Tages kam ein Fremder ins Dorf, ein müder Wanderer mit zerrissenen

Stiefeln und einem schweren Beutel. Als er die Wiese sah, blieb er stehen und lauschte der Melodie. Sein Herz wurde leicht, und er lächelte zum ersten Mal seit vielen Jahren. Die Dorfbewohner warnten ihn:„Pflücke keine Blume von der Wiese, Fremder. Ihr Gesang ist

unser Glück.“ Doch der Wanderer lachte nur. „Eine einzige Blume wird doch niemandem schaden.“, sagte er.

Und als die Nacht hereinbrach und niemand ihn sah, schlich er zur Wiese und pflückte die schönste Blume, die er finden konnte: eine goldene Margerite, deren Blütenblätter wie Sonnenstrahlen leuchteten.

Am nächsten Morgen erwachte das Dorf in ungewohnter Stille. Kein Lied erklang von der Wiese, nur der Wind strich lautlos durch das Gras. Die Menschen liefen zur Wiese und suchten nach dem Grund, doch sie konnten

nur erkennen, dass eine Blume fehlte.

 Der Wanderer, beschämt von seinem Tun, zeigte ihnen die Blume und gestand seine Tat. Doch es war zu spät: Die Melodie der Wiese war verstummt, und mit ihr verschwand die Heiterkeit des Dorfes. Regenwolken zogen auf, die Ernten verdorrten, und die Menschen verloren ihren Frohsinn.

Nun trafen die Dorfbewohner sich im Gemeinschaftshaus und überlegten, was sie tun sollen. Viele Ideen kamen auf. Man könnte ja mehr Blumen pflanzen oder vielleicht ein Fest feiern, um den Frohsinn wiederherzustellen. Andere bestritten, dass der Gesang der Blumen überhaupt etwas mit dem schlechten Wetter und dem scheinbaren Unmut der Menschen zu tun hatte. Weitere Unzufriedenheit breitete sich aus, während draußen der Regen stürmte.

Unter den Dorfbewohnern war ein kleines Mädchen namens Else. Sie liebte die Blumenwiese mehr als alles andere und war besonders betrübt, dass deren Lied verstummt war. Else beschloss, es musste unbedingt etwas passieren. Und während die Erwachsenen sich weiter stritten, schlich sie raus in den Regen.

Zunächst bemerkte keiner, dass sie fehlte. Der erste der darauf Aufmerksam wurde war Elses Bruder. „Else? Wo bist du?“, sagte er und schaute umher. Nirgens konnte er sie entdecken und geriet in Panik. „Else ist weg!“, rief er nun laut in die Runde. Nun schauten sich alle Dorfbewohner um und die Suche ging los. „Else, wo bist du?“ und „komm heraus, Else!“ riefen sie so laut, dass man sie bis nach draußen hörte. Sie suchten unter allen Stühlen und Bänken, unter allen Tischen und hinter jedem Schrank, doch nichts. Else war verschwunden „Was ist, wenn sie nach draußen ist?“, sagte jemand.

Mit Erstaunen bemerkten sie, dass der Regen aufgehört hatte. Doch Else war weit und breit nicht zu sehen. „Vielleicht ist sie ja bei der Blühwiese?“, sagte Elses Bruder. Aber natürlich! Wieso waren sie da nicht gleich drauf gekommen? Und so maschierte das ganze Dorf du dem einst so magischen Ort.

Und dort am Zaun, zur Blühwiese gedreht stand Else und sang. Die Dorfbewohner erkannten das Lied sofort! Es war das Lied der Blumen und diese schienen ihr zu antworten. Es erklang ein wunderschöner Kanon, der den Regen vertrieb. Else drehte sich um und rief „Kommt und singt mit!“. Und so kam es, dass das ganze Dorf, sogar der Wanderer, gemeinsam vor der Blühwiese stand und zusammen mit den Blumen sang. Die Melodie war schöner und reicher als je zuvor.

Von diesem Tag an achteten die Dorfbewohner noch mehr auf ihre Blumenwiese. Sie lernten, dass Glück undmHarmonie nur erhalten bleiben, wenn man mit Respekt und Liebe mit der Natur umgeht. Und die Wiese sang – für immer. So lebten die Menschen glücklich, und Else wurde die Hüterin der singenden Blumenwiese, die ihre Melodie nie wieder verlor.